Vortrag von Nike Wagner beim Liszt-Festival am 11. Juli 2018 auf Schloß Schillingsfürst

logoLiszt akademie schillingVerehrter Hausherr, verehrter Leslie Howard, meine Damen und Herren, ich freue mich außerordentlich, bei Ihnen und mit Ihnen in Schloß Schillingsfürst sein zu dürfen. Es ist nicht nur ein schöner Ort, sondern ein Ort mit historisch-dynastischer Tiefenverwurzelung im Raum Mittelfranken, Teil der preußisch-bayerischen politischen Geschichte - und auch ein Ort, an dem jene historisch-musikalischen

Freundschaftsbegegnungen stattgefunden haben, die schließlich in unserer Zeit, zur Einrichtung einer Liszt Akademie und eines Liszt-Festivals geführt haben.

 

Die Meriten von langlebiger Dynastie und verantworteter Geschichte gehen selbstverständlich an die Häuser Hohenlohe-Schillingsfürst und Hohenlohe-Langenburg. Aber wie es das Spiel der Zufalls- oder Schicksalswürfel nun eben will, darf auch das bürgerliche Haus Wagner davon profitieren, wenn auch auf denkbar verschlungenen Umwegen.

Der Hausherr Constantin und ich sind beide Ur-Ur-Enkel: an sich noch keine sensationelle Mitteilung. Aber in diesem Kontext macht sie Freude. Durch eine kleine Generationsverschiebung bin ich die Ur-Ur-Enkelin von Franz Liszt und er der Ur-Ur Enkel des gleichnamigen Fürsten Constantin von Hohenlohe-Schillingsfürst, von dem aus die Fäden zu meiner Familiengeschichte laufen. Nur ein paar kulturgeschichtliche Fäden, keine Blutsbande ... Der genannte Fürst Constantin hatte damals - 1859 - die Tochter der Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein geehelicht, eine kluge und schöne Tochter namens Marie, die von Franz Liszt zärtlich geliebt und auch mitaufgezogen wurde, nachdem Fürstin Carolyne den Vater des Mädchens in Russland zurückgelassen hatte, um sich mit dem reisenden Virtuosen zu liieren ...den sie zur Seßhaftigkeit überredete. Liszt und die Fürstin bezogen gemeinsames Quartier in Weimar. Liszt seinerseits war bereits hochadlig umtriebig gewesen – er war der Vater von drei unehelichen Kindern mit der Gräfin Marie d`Agoult, Schauplatz Paris. Darunter eine Tochter mit dem Namen Cosima, die zwar erst den Lieblingsschüler ihres Vaters heiratete, Hans von Bülow, dann aber zu Liszts fast gleichaltrigem Freund Richard Wagner überging, zunächst in wilder Ehe, dann in geordneten Bahnen. Die Ur-Urgroßmutter unseres Hausherrn, Marie Hohelohe–Schillingsfürst ist mit meiner Urgroßmutter Cosima des Öfteren in Weimar zusammengetroffen, auf der Altenburg, wo Liszt und ihre Mutter lange residierten. Die Töchter auf beiden Seiten waren exakt gleich alt, 1837 geboren, doch so recht verband die beiden keine Freundschaft, war die Beziehung doch leise untermalt von der Eifersucht Cosimas. Ihr Vater zog die hübsche Tochter seiner russischen Fürstin stets deutlich vor. Kleiner Schadenfreude kann man sich nicht erwehren, wenn man bedenkt, dass der Bruder des Constantin von Hohenlohe-Schillingsfürst, mit Vornamen Gustav Adolf, nicht nur jener war, der Liszt besonders schätzte und ihn hierher zu Besuchen einlud, sondern später auch – in seiner Funktion als Kardinal in Rom - die Eheschließung Franz Liszts mit der Fürstin Sayn-Wittgenstein hintertrieb... Es steht zu vermuten, dass dies dem Musiker, vom befreundeten Kardinal auch mit den niederen Weihen ausgestattet, gar nicht so unlieb war. Mit dem Sohn Maries, Ernst von Hohenlohe-Schillingsfürst, Jahrgang 1853, führte Cosima einen regen Briefwechsel.

Kulturgeschichtliche Verknüpfungen machen Freude, wie gesagt – und wo Franz Liszt zugegen war, fühle ich mich grundsätzlich wohl, zumal er sich meist die schönsten Schlösser und elegantesten Adels-Salons dafür aussuchte... doch zur Sache.

Den Musiker Franz Liszt muss ich hier nicht vorstellen, er hat Musikgeschichte geschrieben und seine Werke werden, wenn auch nicht häufig genug, aufgeführt, vor allem seine Klavierwerke gehören zum Weltrepertoire, wie hoch immer ihr Schwierigkeitsgrad ist. Ich nenne nur den Papst unter den Liszt-Pianisten Leslie Howard und den Liszt-Pianist und Liszt-Impressario Rolf-Dieter Arens, ein Lisztianer war und ist auch Alfred Brendel – und denken Sie an die russische Schule – von Scherbakov über Katsaris zu den ganz Jungen heute. Überall in der Welt verehrt und feiert man Franz Liszt, nicht nur in seinem Geburtsort Raiding oder in Budapest oder in Weimar und seit einigen Jahren auch auf Schloss Schillingsfürst.

Angesichts dieser seiner Weltgeltung möchte ich jedoch einige untergriffige Fragen stellen:

Warum sollen wir eigentlich an Liszts Wirken erinnern und sein Werk vergegenwärtigen? Warum sollen wir das Andenken an einen Künstler wachhalten, der so verhaftet war an sein Jahrhundert, ein heute so fernes Jahrhundert? Haben wir nicht andere Probleme?

Sicherlich war Liszt der hinreißendste und berühmteste Klavier-Virtuose des 19. Jahrhunderts, aber sein Spiel ist verklungen. Sicherlich war Liszt ein Förderer und Beförderer der modernsten Musik seiner Zeit - aber die ist inzwischen auch alt geworden, denken Sie etwa an Richard Wagner oder Hector Berlioz. Und sicherlich hat Liszt kompositorisch fruchtbare und organisatorisch-pädagogisch erfolgreiche Jahre in Weimar verbracht. Aber wie mutig immer er das Erbe der hier verstorbenen Klassiker in romantische Musik überführt und symphonisch weitergedichtet hat - so recht hat die Welt dies nicht wahrgenommen. Und wer weiß? Vielleicht zeugt sein von Bela Bartók und Arnold Schönberg gerühmtes Spätwerk, das die traditionelle Tonalität suspendiert, doch eher vom Nachlassen der schöpferischen Kräfte, vom Altern seiner Musik? Darüber wird bisweilen noch gestritten.

Häufig ist nun aber gesagt worden, Liszt sei Europäer gewesen. Aber inzwischen sind wir alle - halbwegs - Europäer. Und bedeutete Europäer-Sein damals, im Zeitalter der Nationalstaaten und gekrönten Häupter nicht etwas ganz anderes als unser Euro-Wirtschafts-Europa, das gerade so hochgefährlich ins Schlingern gekommen ist? Was muss uns Franz Liszt heute bedeuten, jenseits der mediengerechten Schlagwörter und Kurzformeln?

Wir kommen der Sache näher, wenn wir uns eine Lebensbilanz Franz Liszts anhören, deren bittere Wahrheit durch seine Selbstironie nur wenig gemildert wird:

„Die ganze Welt ist gegen mich“, so Franz Liszt. „Die Katholiken, weil sie meine Kirchenmusik zu weltlich finden, die Protestanten, weil meine Musik für sie zu katholisch ist [...j. Für die Konservativen bin ich ein Revolutionär, für die ‚Futuristen‘ ein falscher Jakobiner. Was die Italiener betrifft [...]‘ so verabscheuen sie mich als Heuchler, wenn sie Garibaldi - Anhänger sind; stehen sie auf Seiten des Vatikans, werfen sie mir vor, die Venusgrotte in die Kirche verlegt zu haben. Für Bayreuth bin ich kein Komponist, sondern ein PR-Mann. Die Deutschen sind gegen meine Musik als zu französisch, die Franzosen als zu deutsch, für die Österreicher mache ich Zigeunermusik, für die Ungarn ausländische Musik. Und die Juden mögen mich und meine Musik einfach nicht — aus überhaupt keinem Grund.“

Liszt - zwischen allen Stühlen also, folglich zu Rollenspielen, Maskierungen und wechselnden Selbst-Inszenierungen verurteilt? Ein Internationalist, der von niemandem mehr verstanden wird? Zugegeben — er präsentierte der Welt ein Werk, das stilistisch sehr heterogen ist. Es fegt durch alle Gattungen der Musik — Klavier, Orgel, Orchester, Chor, Lied, Melodramen, Kammermusik, gottlob überlässt er wenigstens das Genre Oper seinem Freund Richard Wagner - und ‚saubere‘ musikalische Formen scheinen ihm ziemlich egal, fortwährend wird umgeschrieben und experimentiert, alle möglichen musiksprachlichen Idiome und Dialekte integriert. Zugegeben - Liszt war nicht leicht zu fassen. Auch seine Identität präsentierte sich heterogen: weltlich-erotisch-spektakulär gebärdete sich der massenwirksame „König des Klaviers“ (Berlioz) und Frauenliebling, geistlich-katholisch-gläubig der „Abbé“ Liszt in seiner Soutane, innere Einkehr pflegend, empfangen vom Papst, umgeben von Kardinälen - unentwegt Camouflage, Schauspielerei. Zugegeben auch — in der ersten Hälfte bereist und berauscht er ganz Europa, scheint überall gleichzeitig zu sein, in der zweiten setzt er sich jahrelang in einem provinziellen Nest namens Weimar fest, unter dem Vorwand, hier sei die „Heimat des Ideals“. In der dritten und letzten Phase reist er wieder, teilt sein Leben zwischen Rom, Budapest und Weimar, kehrt, wenn auch eingeschränkt, zum geographischen Herumzigeunern seiner Jugend zurück.

Zwischen allen Stühlen ... hier komme ich auf die Besonderheit Liszts zu sprechen, die mich fasziniert. Er fällt ja nicht hindurch durch die Nationalitäten und musikalischen Stile und Genres: er weiß sie zu verbinden, er spielt damit, er macht die Unterschiede fruchtbar. Und das ist das Sensationelle an Liszt, auch das Moderne an dieser fernen Gestalt. Ein einziges Wort, glaube ich, könnte Ihnen den Liszt in nuce darbieten, das Wort Grenzüberschreitung oder Transgression.

Man wollte ihn ‚national‘ definiert haben damals, überschaubar, einzuordnen - aber der Weltbürger hat sich dem entzogen. Ihm waren die Schweiz, Italien, Deutschland, Österreich, Frankreich, Ungarn, Russland vertraut, und wir hören dies in seiner ‚grenzenlosen‘, übernationalen Musiksprache, Europa ist präsent nicht nur in seinen musikalischen Wanderjahren, dem Klavierzyklus Années de pèlerinage. Im Zeitalter eines übel anschwellenden Nationalismus blieb er unbeirrt, dachte, handelte, redete, musizierte über die streitenden - und auch feindlichen - Nationen hinweg: Denken Sie an die Konflikte in der Donaumonarchie, an den Deutsch-Französischen Krieg. Liszt, der Pazifist und „musicien voyageur“ hat dieses Transnationale von einem humanitär / humanistischen — von einem Goetheschen — Ansatz her betrieben, und wir erkennen die Aufrichtigkeit eines solchen Ethos darin, dass er dies selber verkörperte, mit der eigenen, stets der Vermittlung dienenden Künstlerperson. Kunst gehörte für ihn nicht in den Elfenbeinturm, sondern würde die Menschheit verbessern. Der sich so intensiv in den Salons der aristokratischen Noblesse aufhielt, hat den — zumeist missbrauchten — Wahlspruch dieser Elite in eine soziale Verpflichtung für den Künstler verkehrt: „Génie oblige“, sagte er und hat das wahr gemacht.

Als Pädagoge prägte Liszt Generationen von Schülern, als Kulturmanager und Kunstvermittler schuf er Institutionen und gründete Festivals, als unermüdlicher Förderer anderer Musiker und Kollegen hat er vorgemacht, dass das Engagement für die Sache der Kunst wichtiger ist als Konkurrenzdenken und Ich-AGs. Und wer nennt die Zahl seiner Benefiz-Konzerte, über die er - als es noch keinen Wohlfahrtsstaat und keine Künstlersozialkasse gab - Geld transferierte an Witwen und Waisen, an verarmte Musiker, Katastrophen - Opfer oder sogar an die Stadt Bonn, die ihr Beethoven-Denkmal nicht bezahlen konnte.

Wir wollen Franz Liszt aber gar nicht als guten Menschen feiern, sondern als Musiker. Und da entdecken wir die innere Einheit dieser Person trotz ihrer verwirrenden Vielseitigkeit und trotz ihrer vielfachen Identitäten nach außen. Zwei Lisztsche Spezialitäten spielen darin eine entscheidende Rolle, wiederum Merkmale der Grenzüberschreitung, der Transgression, des Transfers. Die Stichworte heißen: Transformation und Transkription.

Musikalisch erzogen durch die Wiener Klassik, hauptsächlich durch Beethoven, veränderte Liszt die Formen der Überlieferung auf aufregende - und trennungsüberbrückende - Weise: Aus der klassischen viersätzigen Sonatenform machte er die Sonate in einem gigantischen Satz, die die alten Formen gleichsam in sich aufsog bzw. die einsätzige Symphonische Dichtung. Das klassische achttaktige Thema, das im Verlauf eines Stückes dann musikalisch entwickelt wird, verdichtete Liszt zu wenigen Intervallen oder kurzen Motiven - und unterwarf diese Keimzelle einer anderen Prozedur: der Transformation, der ständigen Transformationen. Ein Kurzmotiv konnte auf diese Weise, wie eine „idée fixe“, gleichsam in die Ewigkeit weitergesponnen werden, eine never endig story, offen und aufnahmebereit in jede Richtung.

Berühmt wurde Franz Liszt durch seine - zumeist pianistischen - Transkriptionen der Werke anderer, durch seine getreuen, manchmal auch freieren Übertragungen von alten und neuen Meistern, von Händel, Bach, Beethoven und Schubert oder Wagner, Berlioz, Gounod, Bellini, Rossini und Meyerbeer. Natürlich ist für Liszt auch hier wieder die Mittlerschaft wichtig, er will die Musik großer Komponisten in Umlauf bringen. Auf ästhetischer Ebene aber wurde er kritisiert dafür — er habe keine eigenen Ideen gehabt und könne überdies zwischen hoch und niedrig nicht unterscheiden. In der Tat transkribierte Liszt auch Leichtes, Unterhaltsames - Russischen Galopp, Zigeunerpolkas, spanische Ständchen -‚ ließ sich anstecken von allen möglichen Materialien. Es scheint, als wäre ihm der Unterschied zwischen hoch und niedrig so wesensmäßig fern wie jener zwischen original und fremd - der Musiker Liszt assimilierte, mischte, machte etwas Eigenes daraus, er hatte keine Berührungsängste. Niemals war er musikalischer Dogmatiker oder Purist, er hielt die Grenzen nach oben und
unten, nach links und nach rechts offen und machte die ideologischen Wertigkeiten, die sich an E- und U-Unterscheidungen oder an nationale Kennmelodien hängen, prinzipiell nicht mit. Man könnte sich Franz Liszt auch am Synthesizer vorstellen - ein vergleichbares Instrument hatte er sich in Weimar bauen lassen...

Wir wissen also, warum wir Franz Liszt feiern, wenn wir ihn feiern — wir feiern mit ihm eine Geisteshaltung und ein Kunstverständnis, das unsere Weltoffenheit herausfordert und unsere Transgressionsfähigkeiten - d. h. auch unsere Integrationsfähigkeiten - auf die Probe stellt. Liszt hat die Probe bestanden, für den Universalismus seines Musikdenkens allerdings den Preis gezahlt: viel Unverständnis und künstlerische Vereinsamung. Wir sind ein Stück weiter. Wir danken dem „heiligen Franz“ - so nannte ihn Wagner gern -‚ dass er uns ein Bild davon gegeben hat, was ein fluktuierendes, durchlässiges, transnationales Europa sein könnte, jenseits von Globalisierung, Identitätsängsten und allen möglichen Ab- und Ausgrenzungen anderer.

Außerdem hat der Komponist Franz Liszt, in einem ähnlichen Sinn, jedem einzelnen von uns etwas gegeben, ganz persönlich: seine Musik vermag den Horizont unseres Fühlens und Denkens nicht nur zu erweitern, sondern mit unerhörtem Schwung zu radikalisieren. Es ist eine Musik, die uns in die Reiche des Traums, der Phantasie, der Liebe und der abenteuerlichsten Reisen und Identifikationen zu führen imstande ist: wir „sind“ Mazeppa, der aufs Pferd gebunden durch die Steppe jagt, wir schmelzen dahin in „Liebesträumen“, bewegen uns in flirrenden „Wasserspielen“ oder träumen uns in poetische Meditationen hinein – wie in „Les Préludes“. ... Oder wir drehen uns in atemberaubenden „Totentänzen“ und „Mephisto-Walzern“... immer ist Himmel und Hölle im Spiel.

Nun denn –wir freuen uns auf den zweiten Teil dieses Abends. Am Flügel: Leslie Howard.

Gehört haben wir bereits Franz Liszts Sarabande und Chaconne über Themen aus dem Singspiel „Almira'“ von Georg Friedrich Händel. Zu hören sind nun Les adieux“ – Rêverie sur un motif de l’opéra 'Roméo et Juliette'de Charles Gounod und schließlich, als krönenden Abschluss, Liszts „Réminiscences de 'Norma' de Bellini – Grande Fantaisie. Ein wahrlich europäisches Programm auf Schloss Schillingsfürst!

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